{"id":340,"date":"2022-01-04T18:56:33","date_gmt":"2022-01-04T18:56:33","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/?p=340"},"modified":"2022-01-14T13:39:47","modified_gmt":"2022-01-14T13:39:47","slug":"du-sag-mal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/2022\/01\/04\/du-sag-mal\/","title":{"rendered":"Du, sag mal!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Geschichte \u00fcber wohl unvermeidliche Fragen, denen man mit Humor begegnen sollte. <\/strong><\/p>\n<p>Ich war im Heimatland meiner Eltern und habe mit meiner Cousine beschlossen eine Pyjamaparty bei ihr zuhause zu organisieren. Wir beide waren gerade einmal neun Jahre alt. Bevor die D\u00e4mmerung einsetzte, entschlossen wir uns ihre Freundinnen im Park zu treffen. Sie packte mich an meinem Arm und schrie voller Begeisterung: \u201eDu lernst endlich meine Freundinnen kennen! Sie werden dich lieben und du sie bestimmt auch!\u201c Ich war so aufgeregt ihre Freundinnen kennenzulernen, dass ich einen Tag zuvor meinen Vater um zehn Euro gebeten hatte. Ich kaufte uns allen damit Schokolade und verlockend ausschauende, jedoch geschmacklose Kaugummis, jene, die gerade bei allen Kindern so beliebt waren. Bevor wir Richtung Spielplatz gingen, richtete ich die Schuhb\u00e4nder meiner roten Chucks und nahm fr\u00f6hlich die Hand meiner Cousine. Meine Cousine aber lie\u00df mich los, rannte auf ihre Freundinnen zu und umarmte sie herzlich. Mir waren sie noch zu fremd, um sie gleich zu umarmen, also winkte ich ihnen nur sch\u00fcchtern zu.<br \/>\n\u201eHallo!\u201c, sagte ich mit einer leicht zitternden Stimme, die ich durch meine Aufregung bekommen hatte. Sie schauten mich sehr direkt an, stellten sich vor und erkundigten sich trotz meiner Anwesenheit bei meiner Cousine: \u201eWoher kommt sie? Versteht sie uns?\u201c Bevor diese ihre Fragen beantworten konnte, ergriff ich das Wort und konterte l\u00e4chelnd: \u201eJa, sicher verstehe ich euch. Warum sollte ich es nicht tun? Und, ich komme aus der Nachbarstadt.\u201c Das gr\u00f6\u00dfte der M\u00e4dchen schaute mich mit einem pr\u00fcfenden Blick an und \u00e4u\u00dferte sich mit einem etwas abwertenden Ton: \u201eNein. Die Frage, die hast du nicht wirklich verstanden!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWoher kommst du? Aus welchem Land kommen deine Eltern?\u201c<\/p>\n<p>Ich schaute etwas verwirrt drein. Was kann man an dieser einfachen Frage falsch verstehen? \u201eWie gesagt, ich komme aus der Nachbarstadt, meine Eltern auch. Warum ist euch so wichtig, wo ich herkomme? Ich spreche doch dieselbe Sprache wie ihr. Ich bin wie ihr.\u201c<br \/>\nDaraufhin fingen alle laut zu lachen an und ich stand da, besch\u00e4mt, verlegen. Ich l\u00e4chelte, aber gleichzeitig kam ich mir dumm vor. Es wirkte, als h\u00e4tte ich einen Witz \u00fcberh\u00f6rt. Ich f\u00fchlte mich nicht besonders wohl.<br \/>\nAlles war jedoch schnell wieder vor\u00fcber, da meine Cousine ihren Freundinnen begeistert berichtete, dass ich Geld mithatte und ich sie alle einladen w\u00fcrde. Die Eltern eines M\u00e4dchens besa\u00dfen einen kleinen Supermarkt und wir rannten flugs dorthin. Vor dem Laden erkundigte sich eines der M\u00e4dchen, wieviel Geld ich denn dabeih\u00e4tte. Ich \u00f6ffnete meine Faust und zeigte ihnen den roten, etwas faltigen Schein. Die \u00c4lteste lachte laut auf: \u201eDas sind ja Euro und noch dazu ist das eine Menge Geld, damit k\u00f6nntest du das ganze Chips Regal kaufen! Und du willst uns wei\u00df machen, dass du Bosnierin bist.\u201c Ich verstand damals die Aussage nicht recht, deswegen ignorierte ich sie auch. Alle nahmen sich unbek\u00fcmmert was sie wollten und spazierten selbstzufrieden zur etwas ranzigen Kasse. Die Mutter der Freundin schaute \u00fcberrascht drein und fragte vorsichtig: \u201eWer hat vor das alles zu zahlen, M\u00e4dels?\u201c Einige der M\u00e4dchen riefen meinen Namen. Die Frau inspizierte mich mit fesselndem Blick und stellte unmittelbar ihre zweite Frage: \u201eWoher kommst du? Wie hei\u00dfen deine Eltern?\u201c<br \/>\nEines der M\u00e4dchen verdrehte ihre gr\u00fcn-blauen Augen und antwortete sarkastisch: \u201eSie sagt, sie kommt aus Bosnien.\u201c Die Frau beobachtete mich mit Argusaugen. Ich deutete meiner Cousine mit den Fingern, dass ich ihr nicht antworten wollte. Meine Cousine reagierte prompt und erz\u00e4hlte von meinen Eltern. \u201eAlso Mama, ist sie jetzt eine echte Bosnierin?\u201c, h\u00f6rte ich. Die Mutter strich ihrer Tochter die Haare aus dem Gesicht und erwiderte besserwisserisch: \u201eNein Schatz, sie lebt in \u00d6sterreich. Ich kenne ihre Eltern. Sie hat einen \u00f6sterreichischen Pass, deswegen geh\u00f6rt sie nicht hierher.\u201c Mit einem etwas milderen Blick schaute sie wieder zu mir, doch ich traute mich nicht aufzublicken. Ich starrte wie versteinert meine Schuhb\u00e4nder an, die ich erst vor kurzem gerichtet hatte.<\/p>\n<p>Ich sch\u00e4mte mich zutiefst. Ich sp\u00fcre diese Scham, die ich damals hatte, heute noch.<\/p>\n<p>Warum ich mich so gesch\u00e4mt habe, wei\u00df ich nicht. Vielleicht weil ich ein Kind war, das sehr stolz war sagen zu k\u00f6nnen: \u201eIch bin Bosnierin.\u201c Doch seitdem sage ich es nicht mehr oft, weil es sich falsch anf\u00fchlt. Durch solche Vorf\u00e4lle, die ebenso in \u00d6sterreich geschehen sind, kann ich durchaus nicht mehr behaupten, mich in beiden L\u00e4ndern zuhause zu f\u00fchlen.<br \/>\nSie fragen, wo ich herkomme. Ich kenne die Antwort genauso wenig, wie die Fragenden. Ich lebe f\u00fcr die in Bosnien viel zu sehr in der \u00f6sterreichischen Kultur, sodass ich nie eine \u201eechte\u201c Bosnierin sein kann und f\u00fcr die Menschen in \u00d6sterreich, lebe in einer ausl\u00e4ndischen Kultur, sodass sie von mir nie behaupten k\u00f6nnten, eine waschechte \u00d6sterreicherin zu sein.<br \/>\nSie fragen mich, wo ich herkomme. Sie fragen nach der Wurzel meiner Herkunft, nach meinem Pass, nach meiner Religion, nach meiner Sprache, nach meiner Nationalit\u00e4t.<br \/>\nSolche Grenzen trennen Menschen. Ich musste es schon als Kind sp\u00fcren. Warum ist es so wichtig, wo ich herkomme? Es z\u00e4hlt doch das, was in meinem Herzen ist, das macht doch einen Menschen aus. Die Freundinnen meiner Cousine kannten mich nicht. Sie wussten nicht einmal, wie ich wirklich bin. Durch unsere Gesellschaft dr\u00fcckten sie mir gleich einen Stempel auf die Stirn, sie verurteilten mich, weil ich angeblich \u201eanders\u201c bin.<\/p>\n<p>Viele fragen mich, wo ich herkomme. Es ist doch so eine leichte Frage, aber ich kann sie trotzdem nicht beantworten. Doch irgendeine Antwort muss ich ja geben, deswegen sage ich in Zukunft auf die wohl unvermeidliche Frage: Sag mal, wo kommst du denn her? &#8211; Aus Schlumpfhausen, bitte sehr\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":394,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/340"}],"collection":[{"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=340"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/340\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":452,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/340\/revisions\/452"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/394"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=340"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=340"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=340"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}