{"id":547,"date":"2022-04-11T08:22:04","date_gmt":"2022-04-11T08:22:04","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/?p=547"},"modified":"2022-04-11T08:32:31","modified_gmt":"2022-04-11T08:32:31","slug":"wie-ich-den-lockdown-ueberlebte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/2022\/04\/11\/wie-ich-den-lockdown-ueberlebte\/","title":{"rendered":"Wie ich den Lockdown \u00fcberlebte"},"content":{"rendered":"<p>Wie \u00fcberlebt man einen Lockdown? Was macht man, wenn ein Virus die Oberhand \u00fcber unser aller Leben \u00fcbernimmt? Ich kann nur sagen, was man absolut <strong><em>nicht<\/em><\/strong> machen sollte: zuhause sitzen und sich selbst bemitleiden. Jeder von uns hat seine eigenen Methoden durch diese schwere Zeit zu kommen. Das Positive aus dem Negativen zu ziehen sollte dazugeh\u00f6ren. Wie mein Vater immer so sch\u00f6n sagt: Das Glas ist halbvoll und nicht halbleer. Ich pers\u00f6nlich hatte selbst viele Monate gebraucht, um zu verstehen, was er damit \u00fcberhaupt gemeint hatte. So hatte das Negative zu Beginn immer das Positive \u00fcberschattet. Ein sehr gutes Beispiel daf\u00fcr war die zweiw\u00f6chige Quarant\u00e4ne, die meine Familie und ich bew\u00e4ltigen mussten \u2013 eine Woche bevor der tats\u00e4chliche Lockdown Nummer Eins von der \u00f6sterreichischen Regierung ausgesprochen wurde. Schlie\u00dflich f\u00fchlt sich keiner besonders wohl dabei, zwei Wochen lang mit seinen Eltern in einer kleinen Wohnung eingesperrt zu sein und wichtigen Unterrichtsstoff zu verpassen. Der einzige Trost war in dieser Zeit die Kekspackung, die mir meine damalige beste Freundin vor die T\u00fcr gelegt hatte. Gerade hatte ich noch \u201eViva la Vida\u201c mit meiner Musicalgruppe gesungen, bevor ich herausfand, dass sich mein Vater im Krankenhaus befand. Meinen f\u00fcnfmin\u00fctigen Dramaqueen-Moment auf den Stra\u00dfen von Graz h\u00e4tte ich mir letztendlich auch sparen k\u00f6nnen, denn er musste sich dort \u201enur\u201c einem Corona &#8211; Test unterziehen. Seine Chefin hatte sich von der Panik um Italienheimkehrer v\u00f6llig benebeln lassen und so mussten wir alle in Quarant\u00e4ne, obwohl der PCR-Test meines Vaters negativ zur\u00fcckkam. Ich sa\u00df also furchtbare zwei Wochen auf der Couch und lie\u00df mich von meiner besten Freundin vollquatschen, wie sehr sie mich doch vermisste und wie nervig der Schulalltag ohne mich war. So bestand unsere gemeinsame Abendroutine aus verheulten Telefonaten mit Chips Packungen, Taschent\u00fcchern und dem Kampf darum, wer besser jammerte. Gewonnen hatte nat\u00fcrlich ich. <em>Wer denn auch sonst? <\/em><br \/>\nIch w\u00fcrde mich nicht als sehr gl\u00e4ubig bezeichnen, aber an dem Tag nachdem unsere Quarant\u00e4ne geendet hatte, musste ich einfach in die Kirche gehen. So kam es dazu, dass ich eingequetscht zwischen meinen Eltern auf einer kalten Kirchenbank sa\u00df und betete, dass ich so etwas nie wieder erleben m\u00fcsse. Um 8 Uhr in der Fr\u00fch! Daran erkannte man meine Verzweiflung. Meine Gebete wurden jedoch nicht erh\u00f6rt. Nur eine Woche sp\u00e4ter sa\u00df ich erneut auf meiner Couch mit der Stimme meiner besten Freundin im Ohr und einer weiteren Packung Chips auf meinem Scho\u00df. Es wurde immer wieder gesagt, dass bis Ostern alles wieder wie fr\u00fcher sein w\u00fcrde. Dies war absolut nicht der Fall. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen wurden Monate. Kein Ende in Sicht.<\/p>\n<p>Zu Beginn war ich f\u00fcrs Lernen sehr motiviert. Meine Noten verbesserten sich und ich arbeitete immer flei\u00dfig mit. Die Hoffnung meine Freunde wiederzusehen und wieder ein normales Lebe f\u00fchren zu k\u00f6nnen, trieben mich an. Doch die Zeit zeigte uns immer mehr wie aggressiv dieser Virus war und wie schwer dieser uns das Leben machte.<\/p>\n<p>Meine Mutter hatte ihre zwei Computerbildschirme auf unserem K\u00fcchentisch aufgestellt und arbeitete Tag und Nacht. Da wir in einer kleinen Wohnung lebten und eine Ess-Wohn-K\u00fcche hatten, musste mein Vater, der als Schulwart nicht wirklich von zuhause arbeiten konnte, die Lautst\u00e4rke des Fernsehers immer auf das Minimum herunterdrehen. So h\u00f6rte ich jedes Mal, wenn ich mein Zimmer verlies das leise Fluchen der Kommentatoren eines Fu\u00dfballspiels von 2017 und das Tastenklappern und laute Lachen meiner Mutter, wenn sie wieder einmal mit ihrer Arbeitskollegin telefonierte. Au\u00dfer zum Essen und f\u00fcr den obligatorischen Filmabend lie\u00df ich mich kaum blicken. Ich war zugedeckt mit Aufgaben und Arbeitsauftr\u00e4gen und lernte von morgens bis abends. Je l\u00e4nger ich am Tag vor dem Computer sa\u00df, desto schlimmer wurden die Kopfschmerzen und der Schlafmangel.<\/p>\n<p>Was meine Eltern als flei\u00dfig und selbstst\u00e4ndig bezeichneten, sah ich als Ablenkung. Wenn ich mich \u00fcber die meterlangen Arbeitsbl\u00e4tter, die uns unser Mathematiklehrer aufgab, aufregen konnte, musste ich mich nicht mit den Diskussionen meiner Eltern besch\u00e4ftigen. Vor allem an ihnen merkte man, dass zu viel Zeit zusammen auf engem Raum nicht wirklich f\u00f6rderlich f\u00fcr eine gesunde Beziehung war.<\/p>\n<p>Den Nachbarn ging es nicht besser. Jedes Mal, wenn ich im drau\u00dfen war und die Bewohnerin mit dem Garten neben uns beobachtete, konnte ich eindeutig Augenringe und Trauer in ihrem Gesicht erkennen. Auch der nervige Junge von gegen\u00fcber l\u00e4sterte nicht mehr \u00fcber meine Oversized T-Shirts und Jogginghosen so wie er es sonst immer tat. Wir alle waren angeschlagen und es w\u00fcrde nur eine weitere Ma\u00dfnahme der Regierung fehlen, um das Fass zum \u00dcberlaufen zu bringen. Keiner hatte mehr Lust auf irgendetwas und es tat weh sonst so gl\u00fcckliche Menschen so traurig zu sehen.<\/p>\n<p>So ging es drei Wochen lang weiter bis unsere Nachbarin genug hatte und entschied die Anspannung mit Drinks und Snacks \u00fcber dem Gartenzaun zu lockern. So marschierte meine Mutter, welche sich von der pl\u00f6tzlichen positiven Energie anstecken lie\u00df, fast jeden Tag mit neuen wundersamen Mischungen in den Garten und verteilte diese unter den Anwesenden. Je \u00f6fter wir uns trafen, desto mehr Nachbarn kamen dazu und so wurde es zur Tradition jeden Nachmittag mit viel Abstand beisammen zu sein und lustige Geschichten und Witze auszutauschen. Dass die Tratschtante der Nachbarschaft ebenfalls dabei war, entpuppte sich als sehr f\u00f6rderlich. So waren wir immer direkt informiert \u00fcber die brandaktuellen Neuigkeiten unserer Siedlung. Die wirklich wichtigen Fragen wurden dabei nat\u00fcrlich auch gekl\u00e4rt. So wussten wir nun endlich, dass die junge Dame aus dem D-Haus tats\u00e4chlich einen neuen Lover hatte. Auch der Nachbar aus dem dritten Stock hatte es endlich geschafft seine dr\u00f6hnende Kaffeemaschine zu entsorgen, die uns jeden Morgen daran zweifeln lie\u00df, ob wir uns in einem Wohnhaus oder auf einem Kriegsfeld befanden.<\/p>\n<p>Der fr\u00f6hlichste Abend war allerdings der, an dem wir den Geburtstag meines Vaters gefeiert hatten und der Junge von gegen\u00fcber die Karaoke Maschine ausgepackt hatte. Wir sagen also bis sp\u00e4t in die Nacht \u201eLet it go\u201c. Als die J\u00fcngste und gleichzeitig Resoluteste in der Gruppe war es meine Aufgabe den halblustigen Italiener von Nebenan einzusammeln, der pl\u00f6tzlich weggelaufen war, um \u201edie Sterne zu beobachten\u201c. Vielleicht h\u00e4tte man den zweiten Bierkasten an jenem Abend nicht mitnehmen sollen.<\/p>\n<p>Ich videochattete wieder mehr mit meinen Freundinnen und verbrachte die meiste Zeit damit meiner Mutter beim Kochen zu helfen oder meine Liebe zum Motorsport zu entdecken.<\/p>\n<p>So langsam begann ich zu verstehen, was mein Vater die ganze Zeit \u00fcber gemeint hatte. Die Situation, in der wir uns befanden, beziehungsweise immer noch befinden ist schwierig und keineswegs angenehm. Wir mussten viel aushalten und werden wahrscheinlich noch eine Weile in der Dunkelheit stehen, bis die Sonne wieder aufgeht. Man kann in einer Situation feststecken und sich bemitleiden, oder man macht einfach das Beste daraus. Das Leben legt die Karten, aber es liegt an uns, wie wir sie ausspielen. Egal wie allein man sich f\u00fchlt und wie aussichtslos der Moment auch scheint. Manchmal braucht es nur eine Nachbarin mit einer Idee und Zeit gemeinsam, um den Stein ins Rollen zu bringen.<\/p>\n<p><em>Das Glas ist immer halbvoll und nicht halbleer. <\/em>Und mit diesem Vorsatz habe ich auch die n\u00e4chsten Lockdowns \u00fcberlebt &#8230;<\/p>\n<p>Johanna Schreiner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":394,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547"}],"collection":[{"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=547"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":554,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547\/revisions\/554"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/394"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus.pestalozzi.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}