Wie überlebt man einen Lockdown? Was macht man, wenn ein Virus die Oberhand über unser aller Leben übernimmt? Ich kann nur sagen, was man absolut nicht machen sollte: zuhause sitzen und sich selbst bemitleiden. Jeder von uns hat seine eigenen Methoden durch diese schwere Zeit zu kommen. Das Positive aus dem Negativen zu ziehen sollte dazugehören. Wie mein Vater immer so schön sagt: Das Glas ist halbvoll und nicht halbleer. Ich persönlich hatte selbst viele Monate gebraucht, um zu verstehen, was er damit überhaupt gemeint hatte. So hatte das Negative zu Beginn immer das Positive überschattet. Ein sehr gutes Beispiel dafür war die zweiwöchige Quarantäne, die meine Familie und ich bewältigen mussten – eine Woche bevor der tatsächliche Lockdown Nummer Eins von der österreichischen Regierung ausgesprochen wurde. Schließlich fühlt sich keiner besonders wohl dabei, zwei Wochen lang mit seinen Eltern in einer kleinen Wohnung eingesperrt zu sein und wichtigen Unterrichtsstoff zu verpassen. Der einzige Trost war in dieser Zeit die Kekspackung, die mir meine damalige beste Freundin vor die Tür gelegt hatte. Gerade hatte ich noch „Viva la Vida“ mit meiner Musicalgruppe gesungen, bevor ich herausfand, dass sich mein Vater im Krankenhaus befand. Meinen fünfminütigen Dramaqueen-Moment auf den Straßen von Graz hätte ich mir letztendlich auch sparen können, denn er musste sich dort „nur“ einem Corona – Test unterziehen. Seine Chefin hatte sich von der Panik um Italienheimkehrer völlig benebeln lassen und so mussten wir alle in Quarantäne, obwohl der PCR-Test meines Vaters negativ zurückkam. Ich saß also furchtbare zwei Wochen auf der Couch und ließ mich von meiner besten Freundin vollquatschen, wie sehr sie mich doch vermisste und wie nervig der Schulalltag ohne mich war. So bestand unsere gemeinsame Abendroutine aus verheulten Telefonaten mit Chips Packungen, Taschentüchern und dem Kampf darum, wer besser jammerte. Gewonnen hatte natürlich ich. Wer denn auch sonst?
Ich würde mich nicht als sehr gläubig bezeichnen, aber an dem Tag nachdem unsere Quarantäne geendet hatte, musste ich einfach in die Kirche gehen. So kam es dazu, dass ich eingequetscht zwischen meinen Eltern auf einer kalten Kirchenbank saß und betete, dass ich so etwas nie wieder erleben müsse. Um 8 Uhr in der Früh! Daran erkannte man meine Verzweiflung. Meine Gebete wurden jedoch nicht erhört. Nur eine Woche später saß ich erneut auf meiner Couch mit der Stimme meiner besten Freundin im Ohr und einer weiteren Packung Chips auf meinem Schoß. Es wurde immer wieder gesagt, dass bis Ostern alles wieder wie früher sein würde. Dies war absolut nicht der Fall. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen wurden Monate. Kein Ende in Sicht.
Zu Beginn war ich fürs Lernen sehr motiviert. Meine Noten verbesserten sich und ich arbeitete immer fleißig mit. Die Hoffnung meine Freunde wiederzusehen und wieder ein normales Lebe führen zu können, trieben mich an. Doch die Zeit zeigte uns immer mehr wie aggressiv dieser Virus war und wie schwer dieser uns das Leben machte.
Meine Mutter hatte ihre zwei Computerbildschirme auf unserem Küchentisch aufgestellt und arbeitete Tag und Nacht. Da wir in einer kleinen Wohnung lebten und eine Ess-Wohn-Küche hatten, musste mein Vater, der als Schulwart nicht wirklich von zuhause arbeiten konnte, die Lautstärke des Fernsehers immer auf das Minimum herunterdrehen. So hörte ich jedes Mal, wenn ich mein Zimmer verlies das leise Fluchen der Kommentatoren eines Fußballspiels von 2017 und das Tastenklappern und laute Lachen meiner Mutter, wenn sie wieder einmal mit ihrer Arbeitskollegin telefonierte. Außer zum Essen und für den obligatorischen Filmabend ließ ich mich kaum blicken. Ich war zugedeckt mit Aufgaben und Arbeitsaufträgen und lernte von morgens bis abends. Je länger ich am Tag vor dem Computer saß, desto schlimmer wurden die Kopfschmerzen und der Schlafmangel.
Was meine Eltern als fleißig und selbstständig bezeichneten, sah ich als Ablenkung. Wenn ich mich über die meterlangen Arbeitsblätter, die uns unser Mathematiklehrer aufgab, aufregen konnte, musste ich mich nicht mit den Diskussionen meiner Eltern beschäftigen. Vor allem an ihnen merkte man, dass zu viel Zeit zusammen auf engem Raum nicht wirklich förderlich für eine gesunde Beziehung war.
Den Nachbarn ging es nicht besser. Jedes Mal, wenn ich im draußen war und die Bewohnerin mit dem Garten neben uns beobachtete, konnte ich eindeutig Augenringe und Trauer in ihrem Gesicht erkennen. Auch der nervige Junge von gegenüber lästerte nicht mehr über meine Oversized T-Shirts und Jogginghosen so wie er es sonst immer tat. Wir alle waren angeschlagen und es würde nur eine weitere Maßnahme der Regierung fehlen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Keiner hatte mehr Lust auf irgendetwas und es tat weh sonst so glückliche Menschen so traurig zu sehen.
So ging es drei Wochen lang weiter bis unsere Nachbarin genug hatte und entschied die Anspannung mit Drinks und Snacks über dem Gartenzaun zu lockern. So marschierte meine Mutter, welche sich von der plötzlichen positiven Energie anstecken ließ, fast jeden Tag mit neuen wundersamen Mischungen in den Garten und verteilte diese unter den Anwesenden. Je öfter wir uns trafen, desto mehr Nachbarn kamen dazu und so wurde es zur Tradition jeden Nachmittag mit viel Abstand beisammen zu sein und lustige Geschichten und Witze auszutauschen. Dass die Tratschtante der Nachbarschaft ebenfalls dabei war, entpuppte sich als sehr förderlich. So waren wir immer direkt informiert über die brandaktuellen Neuigkeiten unserer Siedlung. Die wirklich wichtigen Fragen wurden dabei natürlich auch geklärt. So wussten wir nun endlich, dass die junge Dame aus dem D-Haus tatsächlich einen neuen Lover hatte. Auch der Nachbar aus dem dritten Stock hatte es endlich geschafft seine dröhnende Kaffeemaschine zu entsorgen, die uns jeden Morgen daran zweifeln ließ, ob wir uns in einem Wohnhaus oder auf einem Kriegsfeld befanden.
Der fröhlichste Abend war allerdings der, an dem wir den Geburtstag meines Vaters gefeiert hatten und der Junge von gegenüber die Karaoke Maschine ausgepackt hatte. Wir sagen also bis spät in die Nacht „Let it go“. Als die Jüngste und gleichzeitig Resoluteste in der Gruppe war es meine Aufgabe den halblustigen Italiener von Nebenan einzusammeln, der plötzlich weggelaufen war, um „die Sterne zu beobachten“. Vielleicht hätte man den zweiten Bierkasten an jenem Abend nicht mitnehmen sollen.
Ich videochattete wieder mehr mit meinen Freundinnen und verbrachte die meiste Zeit damit meiner Mutter beim Kochen zu helfen oder meine Liebe zum Motorsport zu entdecken.
So langsam begann ich zu verstehen, was mein Vater die ganze Zeit über gemeint hatte. Die Situation, in der wir uns befanden, beziehungsweise immer noch befinden ist schwierig und keineswegs angenehm. Wir mussten viel aushalten und werden wahrscheinlich noch eine Weile in der Dunkelheit stehen, bis die Sonne wieder aufgeht. Man kann in einer Situation feststecken und sich bemitleiden, oder man macht einfach das Beste daraus. Das Leben legt die Karten, aber es liegt an uns, wie wir sie ausspielen. Egal wie allein man sich fühlt und wie aussichtslos der Moment auch scheint. Manchmal braucht es nur eine Nachbarin mit einer Idee und Zeit gemeinsam, um den Stein ins Rollen zu bringen.
Das Glas ist immer halbvoll und nicht halbleer. Und mit diesem Vorsatz habe ich auch die nächsten Lockdowns überlebt …
Johanna Schreiner